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Macht Musik schlau?

Die Welt am Sonntag und neurowissenschaftliche Studien meinen Ja!

Expertenbeitrag von Anastasia Reiber, Gründerin und Leiterin von mini.musik - Große Musik für kleine Menschen e.V.

Boom an deutschen Musikschulen und der Wunsch deutscher Eltern, dass ihre Kinder doch ein Musikinstrument erlernen mögen! 

Das isti nicht nur gut fürs Gemüt, sondern fördere auch – so Welt am Sonntag – die sozialen und intellektuellen Fähigkeiten. Studien, die in den letzten Jahrzehnten zum Einfluss von Musik auf unser Gehirn durchgeführt wurden, bestätigen das.

Haben Sie als Kind ein Instrument gelernt? Waren Sie im Chor? Haben Ihre Eltern Sie musikalisch gefördert? Wenn ja: Kamen Sie glücklich und entspannt nachhause? Und möchten Sie dieses Gefühl auch Ihren Kindern durch musikalische Früherziehung oder das Erlernen eines Instruments vermitteln? Merken Sie, wie gut Ihrem Kind der Musikunterricht tut?

Als Klavierlehrerin beobachte ich tagtäglich, wie der Umgang mit dem Klavier, den Musikstücken und dem Erlernen der Noten meine Schüler prägt. Kinder, die an den ersten Klavierstunden kaum ein einfaches Rhythmusmuster nachklatschen konnten, sind schon nach einem Jahr Unterricht imstande, mit beiden Händen unterschiedliche Rhythmen zu spielen; und zwar für jede Hand einen eigenen. Das überträgt sich beispielsweise auch auf ihr Tanzgespür. Das gestärkte Rhythmusgefühl lässt Kinder den Takt besser spüren und die Schrittkombinationen leichter erlernen. Woran liegt das? Beim Klavierspiel wird ihre Koordination geschult. Wer also seine Hände koordinieren kann, der hat auch mit den Füßen keine Probleme.

Aber was genau geht in unserem Gehirn vor sich, wenn wir uns mit Musik beschäftigen? Dazu gab es in den letzten Jahrzehnten mehrere neurowissenschaftliche Studien, die alle zu einem ähnlichen Ergebnis kommen: Singen und Musizieren machen glücklich und fördern die kognitiven Fähigkeiten.


Klassische Musik fördert räumliches Denken
1993 bestätigte eine im Fachblatt Nature erschienene Arbeit, dass klassische Musik räumliches Denkvermögen fördere. Die Autorin und Psychologin Frances Rauscher ließ Studenten kurz vor Intelligenztests Mozarts Sonate KV448 hören. Diese schnitten daraufhin beim Test besser ab als ihre Mitstudenten, die ohne Musik in die Prüfung gingen. Daraus entwickelte sich der bekannte Mozart-Effekt. Was die Wissenschaftler jedoch außer Acht ließen: Der Effekt hält nur eine Viertelstunde an und der Einfluss anderer Komponisten wurde erst gar nicht untersucht.
Heute wissen wir, nicht nur die Musik von Mozart macht schlau, sondern Musik, Lieder oder selbst Geschichten im Allgemeinen. Wichtig ist, dass uns der akustische Reiz gefällt. Musik versetzt Menschen in einen leistungsbereiten Zustand. Das ist bei Erwachsenen wie bei Kindern der Fall.


Unser Körper wächst beim Musizieren über sich hinaus
Unser Gehirn passt sich dabei den Herausforderungen an. Das bestätigt der Neuropsychologe und Buchautor Professor Lutz Jäncke, der in seinem Buch „Macht Musik schlau?“ die in den letzten zwei Jahrzehnten erzielten Befunde bezüglich der neurowissenschaftlichen und kognitiven Grundlagen des Musizierens und des Musikhörens beschreibt und bewertet. Klar ist, nur wer ein Musikinstrument spielt kann nicht automatisch eine schwierige Rechenaufgabe lösen. Aber um ein Musikinstrument richtig zu spielen, arbeiten wir an der richtigen Haltung, bewegen unsere Hände und Finger, bei Blasinstrumenten ist zusätzlich der Mund beteiligt. Unser Körper wird also trainiert, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Zudem müssen wir den richtigen Ton treffen und dafür brauchen wir ein gutes Gehör.

Unser Körper muss sich also speziell vorbereiten auf das Musizieren. Er hilft uns dadurch, dass er über sich hinauswächst: Bei professionellen Musikern ist festzustellen, dass das Hörzentrum sich vergrößert, die graue Substanz an der Großhirnrinde nimmt zu, Fettschichten und Nervenfasern werden dicker, so dass die Signalweiterleitung sich beschleunigt (Studie der Universität Münster, 1997).

Das Beschäftigen mit Musik ist gleichzusetzen mit dem Erlernen von Sprache – beide greifen auf ähnliche Ressourcen zurück (Professor Eckart Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikpsychologie in Hannover). Eine Studie der Chinese University of Hongkong 2003 bestätigt dies: Jungen, die ein Streichinstrument beherrschen, schnitten in einem Sprachtest besser ab als ihre unmusikalischen Klassenkameraden. Das geht sogar so weit, dass Menschen mit einem musikalischen Gehör gesprochene Worte besser vom Hintergrundrauschen unterscheiden können (aktuelle Studie, Northwestern University Chicago).

Als Musiklehrerin erlebe ich selbst, wie die Fähigkeit, eine Fremdsprache zu lernen, sich durch die Gehörschulung im Musik-Unterricht erheblich verbessert. Mit fünf Jahren kam ein Mädchen russischer Abstammung zu mir in den Unterricht. Sie konnte kaum Russisch, ihre Aussprache war miserable, deshalb weigerte sie sich, Russisch zu sprechen. Doch im Unterricht war sie darauf angewiesen, denn sie sollte in Russisch singen. Sie musste also lernen, die Wortsilben zu artikulieren und an die Melodie anzupassen. Jetzt, nach vier Jahren, hat sich ihre Aussprache stark verbesser und sie spricht hervorragend Russisch.


Die Gehirn-Areale von Musikern sind stärker vernetzt
Musiker müssen natürlich nicht nur gut hören, sondern gleichzeitig Arme, Hände, Finger und teilweise Mund bewegen. Um diese kognitiven Fähigkeiten ausführen zu können, sind bei Musikern die dafür zuständigen Areale im Gehirn stärker vernetzt. Die Koordination nimmt zu und durch das Lesen der Noten, die auf den Notenblättern auf oder zwischen feinen Linien sitzen, verbessern sie zusätzlich ihr räumliches Denkvermögen. Schon bei Kindern ist das verbesserte räumliche Verständnis festzustellen.

Beim Klavierspielen erlebe ich ähnliches: Meine Schüler erfahren eine gewisse Schulung der Konzentration und erlernen das schnellen Erfassen komplexer Texte. Das Interesse an klassischer Musik und auch an bildender Kunst überträgt sich oft auch auf andere Freizeitaktivitäten: einige meiner Schüler besuchen zusätzlich Tanz- oder Malkurse, gehen gerne mit den Eltern ins Konzert, musizieren in der Kirche und präsentieren ihre Künste in der Schule und im Freundeskreis. Sie haben Freude und Spaß am Musizieren und Singen. Freude und Spaß sind der Antrieb, warum wir uns überhaupt auf Musik einlassen. „Entscheidend ist der Hormoncocktail im Gehirn während des Spielens“, sagt Professor Altenmüller, „(er) feuert die Neuroplastizität an.“ Wie recht er hat!

Sie sehen, die Wissenschaft kann belegen, warum Ihre Kinder nach der Musikschule glücklicher zu Ihnen nachhause kommen. Unterstützen Sie dieses Glückgefühl, in dem Sie die Lust am Musizieren und Singen in Ihren Kindern wachhalten.

Ihre Anastasia Reiber, Gründerin und Leiterin von mini.musik - Große Musik für kleine Menschen e.V.

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